27.05.2026

Geriatrie als Teamaufgabe: Chefarzt Christoph Esten über moderne Altersmedizin

Seit Anfang des Jahres leitet Christoph Esten als Chefarzt die Klinik für Akutgeriatrie des Katholischen Klinikums am Brüderkrankenhaus Montabaur. Im Interview spricht er über seinen Weg in die Altersmedizin, die besonderen Bedürfnisse älterer Patientinnen und Patienten und darüber, warum gute Medizin im hohen Alter weit mehr bedeutet als die Behandlung einzelner Erkrankungen.

Herr Esten, Sie haben Anfang des Jahres die Leitung der Akutgeriatrie übernommen – was hat Sie an dieser Aufgabe besonders gereizt?

Nachdem ich meine vorherige Chefarztstelle in der Inneren Medizin und Gastroenterologie im Krankenhaus Lahnstein wegen Insolvenz des Krankenhauses beenden musste, suchte ich eine neue Herausforderung. Zunächst war ich froh, als Oberarzt die Weiterbildung zum Geriater in der sehr gut aufgestellten Abteilung für Geriatrie bei Dr. Schulz antreten zu können. Im Verlauf der Weiterbildung hat sich bestätigt, dass die Geriatrie mit dem ganzheitlichen Ansatz und dem Teamgedanken genau meiner Vorstellung von optimaler Patientenbetreuung entspricht.

Bei der Frage der Übernahme der Chefarztposition hat vor allem die Möglichkeit gereizt, eine bereits sehr gut etablierte Klinik weiterzuentwickeln und gemeinsam mit dem bestehenden tollen Team neue Impulse zu setzen. Besonders wichtig ist mir dabei die interdisziplinäre Zusammenarbeit zwischen den einzelnen medizinischen Abteilungen und insbesondere der unterschiedlichen Berufsgruppen.

Wie hat sich die Altersmedizin in den letzten Jahren verändert – und was sind heute die größten Herausforderungen im klinischen Alltag?

Die Altersmedizin hat sich in den vergangenen Jahren deutlich weiterentwickelt. Früher stand häufig die einzelne akute Erkrankung im Vordergrund, heute betrachten wir sehr viel stärker die funktionellen Fähigkeiten, die Mobilität, die kognitive Situation und auch das soziale Umfeld unserer Patientinnen und Patienten. Ähnlich wie in der bereits etablierten Pädiatrie konzentrieren wir uns auf ein spezielles Patientenkollektiv in Form einer Altersgruppe und auf deren spezielle Bedürfnisse.

Neben dem demografischen Wandel mit steigender Lebenserwartung und somit einem Anstieg der Altersgruppe Ü70 sehen wir eine zunehmende medizinische Komplexität: Viele ältere Menschen leiden an mehreren chronischen Erkrankungen gleichzeitig und nehmen zahlreiche Medikamente ein. Die größte Herausforderung im klinischen Alltag besteht deshalb darin, hochspezialisierte Medizin mit einem ganzheitlichen Blick zu verbinden. Wir müssen uns immer fragen: Was ist medizinisch sinnvoll – aber auch, was hilft dem Patienten konkret im Alltag und erhält möglichst viel Selbstständigkeit und Lebensqualität?

Chefarzt Christoph Esten

Die Klinik wurde in den vergangenen Jahren erfolgreich aufgebaut – wo sehen Sie die nächsten Entwicklungsschritte?

Die Klinik verfügt bereits über sehr stabile und engagierte Strukturen. Darauf möchte ich aufbauen. Neben der Bewältigung des Generationswechsels mit einer neuen ärztlichen Leitung durch einen neuen Chefarzt und neue Oberärzte wird der nächste Entwicklungsschritt sein, die geriatrische Kompetenz an allen drei Standorten sichtbar und nutzbar zu machen. Hierzu gehört die Ausbildung neuer Geriater, die Ausbildung von Studierenden im Querschnittsfach 7 im Rahmen des Medizincampus Koblenz sowie die Ausbildung von Physician-Assistant-Studierenden. Des Weiteren werden wir die psychiatrischen Kollegen am Standort Lahnstein beim Aufbau einer gerontopsychiatrischen Station unterstützen. Insgesamt muss man festhalten, dass Geriatrie keine isolierte Disziplin, sondern ein Querschnittsfach ist, das viele Bereiche unterstützen kann.

Was unterscheidet die Behandlung älterer Patientinnen und Patienten grundlegend von der klassischen Inneren Medizin?

In der klassischen Inneren Medizin oder anderen Fachabteilungen steht häufig die optimale Behandlung einer einzelnen Erkrankung im Vordergrund. In der Geriatrie müssen wir dagegen viel stärker die Gesamtfunktion des Menschen betrachten. Ein Beispiel: Eine Therapie kann medizinisch absolut korrekt sein, aber gleichzeitig Mobilität, Orientierung oder Selbstständigkeit verschlechtern. Deshalb fragen wir in der Geriatrie immer zusätzlich: Welche Auswirkungen hat eine Behandlung auf die Lebensqualität und den Alltag des Patienten? Hinzu kommt, dass ältere Menschen oft mehrere Erkrankungen gleichzeitig haben, Medikamente empfindlicher vertragen und sich Symptome anders präsentieren als bei jüngeren Patientinnen und Patienten. Deshalb braucht geriatrische Medizin häufig mehr Zeit, mehr Abstimmung im Team und sehr individuelle Entscheidungen. Im Kern geht es darum, nicht nur Krankheiten zu behandeln, sondern Fähigkeiten zu erhalten.

Was bedeutet für Sie persönlich gute Medizin im hohen Alter?

Gute Medizin im hohen Alter bedeutet für mich, medizinische Qualität mit Menschlichkeit zu verbinden. Natürlich gehören moderne Diagnostik und Therapie dazu – aber ebenso wichtig sind Zuhören, Empathie und das Verständnis für die individuellen Wünsche und Lebensziele eines älteren Menschen. Es geht darum, Selbstständigkeit zu erhalten, Beschwerden zu lindern, Sicherheit zu geben und gemeinsam realistische Perspektiven zu entwickeln. Es muss immer der Patient im Mittelpunkt stehen und individuelle Lösungen – auch abseits von Leitlinien – gefunden werden. Dabei sollte die Messlatte immer auf folgender Höhe liegen: Wie würde ich eine meiner Angehörigen oder einen meiner Angehörigen behandeln? Mit diesem Anspruch fließt für mich als Behandler immer ein Stück Herzblut mit in die individuellen Therapieentscheidungen ein.